Digitale Transformation – Treiber oder Getriebene? Oder: Was haben Start-ups mit John Wayne zu tun? — Empolis Blog

Digitale Transformation – Treiber oder Getriebene? Oder: Was haben Start-ups mit John Wayne zu tun?

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Ich entwickle seit vielen Jahren KI-Software und bin daher aus tiefstem inneren Antrieb ein Treiber der digitalen Transformation. Aber wieso bin ich gleichzeitig auch ein Getriebener? Die Antwort ist sehr einfach und sehr kompliziert zugleich: Ich bin verantwortlich für ein etabliertes, deutsches Softwareunternehmen: Empolis. Ein Unternehmen inmitten der digitalen Transformation.

Ich kann Ihnen daher hier über meine persönlichen Erfahrungen im eigenen Unternehmen und bei unseren zahlreichen Kunden berichten, und welche Schlüsse ich persönlich daraus gezogen habe.

Diese Erfahrungen habe ich in drei Thesen gegossen:

  1. Digitale Transformation gibt es nicht auf Rezept – Verstehen Sie die Grundlagen!
  2. Hüten Sie sich vor den Generälen – Finden Sie Ihren eigenen Weg!
  3. Es wird nie wieder gemütlich werden – Nutzen Sie lernende Maschinen!

1. Digitale Transformation gibt es nicht auf Rezept – Verstehen Sie die Grundlagen!

Die digitale Transformation findet immer im Dreieck Technologie-Menschen-Kapital statt. Bevor Sie überhaupt damit beginnen, sollten Sie sich völlig darüber im Klaren sein: Wo wollen Sie in diesem Dreieck spielen?

Dreieck Digitale Transformation & Digitalisierung: Technologie, Menschen, Kapital

Kapital: Zwei Seiten einer Medaille

Auf der einen Seite: WhatsApp. Gegründet 2009, hatte WhatsApp nur sehr wenige Mitarbeiter und wurde bereits 2014 für 19 Mrd. Dollar an Facebook verkauft.

Auf der anderen Seite: Tesla. Gegründet bereits 2003. Tesla hat zwar inzwischen einen gigantischen Börsenwert, verschlingt aber, bedingt durch dauernde Verluste, eine riesige Menge an Kapital.

Zum wirklich komplizierten Thema Kapital nur so viel: Ohne eine ausreichende Finanzierung ist eine Digitalisierung unmöglich. Zu viel Geld (Overfunding) bedeutet aber mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls das Ende aller digitalen Ambitionen. Diesen Gegensatz verdeutlichen schon die beiden Sprichwörter „Ohne Moos nix los“ und „Not macht erfinderisch“.

Wir alle benutzen ständig Schlagwörter wie Netzwerkeffekte, Plattformökonomie oder Winner-Takes-All-Geschäftsmodelle. Unser deutsches Problem mit der digitalen Transformation ist, dass die wenigsten diese Schlagwörter auch wirklich verstehen. Dies hat im Kern etwas mit Mathematik und unserem Gehirn zu tun. Wir Menschen denken linear, alle unsere Lebenserfahrungen sind linear, die Wirtschaft funktioniert linear, daher ist die BWL linear usw.

Digitale Geschäftsmodelle sind immer exponentiell.

Uns Menschen fehlt dafür die Vorstellungskraft. Deutschland könnte heute bereits eine führende digitale Weltmacht sein, wenn wir frühzeitig die Exponentialfunktion verstanden hätten. Dies ist am Ende keine Frage von Technologie oder Kapital. Erfolgreiche Geschäftsmodelle wie Amazon, Google, Netflix wurden in Deutschland beendet, weil, linear gedacht, nicht schnell genug Gewinne erwirtschaftet wurden. Auf der anderen Seite werden heute Geschäftsmodelle, in der Hoffnung auf zukünftiges exponentielles Wachstum, am Leben erhalten, die jedoch in ihrem Kern linear und zum Scheitern verurteilt sind.

Es gibt tatsächlich nur wenige Menschen auf der Welt – außerhalb des Silicon Valley – die das exponentielle Wachstum wirklich verstehen: Physiker und Biologen.

Physiker, weil die verheerende Kraft einer Atomexplosion aus genau diesem mathematischen Prinzip herrührt. Biologen, weil Seuchen und Krankheiten sich im schlimmsten Fall auf diesem Wege ausbreiten. Wenn Sie die digitale Transformation als Virus verstehen, der sich über Kunden, Lieferanten, Wettbewerber und Mitarbeiter ausbreitet und uns entweder Superkräfte verleiht oder schwächt, so sind Sie der digitalen Erkenntnis schon sehr nahe. Verstehen Sie die Exponentialfunktion nicht nur als mathematische Größe, sondern als grundlegenden Einfluss auf Ihr zukünftiges Geschäft.

2. Hüten Sie sich vor Generälen – Finden Sie einen eigenen Weg!

Obwohl ich darüber gerade schreibe, finde ich die Wörter „Disruption” und „digitale Transformation” derzeit etwas überstrapaziert. Nicht jeder will ein Einhorn werden und eine Welt kann auch nicht nur von Einhörnern besiedelt sein. Das wäre sehr langweilig und auch etwas unrealistisch. Eine Firmenbewertung von 1 Mrd. Dollar ist nicht überall erstrebenswert oder in jedem Geschäftsfeld möglich. Auch bin ich, gegen den aktuellen Trend, kein allzu großer Freund von Corporate Start-ups oder Digital Transformation Labs.

Das Geschäftsprinzip dahinter ähnelt dem Drehbuch eines frühen John-Wayne-Westerns: 100 Soldaten auf Pferden werden ausgesandt, um eine unmögliche Mission zu erfüllen. 98 Männer in Blauröcken sterben dabei, die übrigen zwei Helden (darunter natürlich John Wayne) überleben und erfüllen dann die Mission. Zur Freude des Generals, des Filmproduzenten und der Zuschauer. Für die 98 Soldaten und ihre Pferde jedoch nicht sehr erfreulich…

Wenn Sie also nicht gerade John Wayne, ein Filmproduzent oder ein General sind: Lassen Sie sich nicht unbedingt von der Euphorie leiten. Es wird sonst sehr wahrscheinlich blutig für Sie enden…

Der deutsche Unternehmensberater Michael Dürr sagte einmal: „Die Schönheit der Jugend ist ein Geschenk der Natur, die des Alters ein Resultat des Charakters.“

Natürlich brauchen Sie junge Menschen, um die Zukunft zu gestalten, aber lassen Sie sie niemals alleine. Vertrauen Sie Ihnen nicht! Dies klingt jetzt hart, ist aber gar nicht so gemeint. Viele digitale Initiativen in Deutschland scheitern am Ende am jugendlichen Enthusiasmus. Wir Manager verfallen nämlich oft der Versuchung, dass nach 20 Prozent des Aufwands vermeintlich 80 Prozent der Ergebnisse erreicht wurden.

Wir vergessen leider oft, dass dies einzig ein Resultat moderner Technologien ist und unterschätzen dabei völlig, dass für die restlichen 20 noch oftmals 80 Prozent, z. B. eine erfolgreiche Markteinführung, des Weges vor dem Unternehmen liegt, bevor es überhaupt erfolgreich sein kann. Natürlich könnten Sie auch einen neuen Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg in Ihren Reihen haben? Glückwunsch dazu. Aber ganz ehrlich: Wie wahrscheinlich ist dies?

Ihre älteren Mitarbeiter kennen oder ahnen diese Herausforderungen aus Ihrer langjährigen Erfahrung. Sie kennen die reale Komplexität in Ihrem Geschäft. Diese Erfahrung ist sehr wichtig für den Rest Ihres digitalen Weges. Sie ist Ihre Waffe im Wettbewerb und am Ende auch Ihr Erfolgsgeheimnis. Mischen Sie Ihre digitalen Teams daher immer mit jugendlichem Enthusiasmus und gestandener Geschäftserfahrung.

Und damit sind wir beim zweiten Punkt des magischen Dreiecks: Menschen. Menschen treiben die digitale Transformation. Keine wirklich neue Erkenntnis. Theoretisch ganz einfach. Praktisch sehr schwierig.

Wo liegen dann unsere Chancen?

Die bisherige digitale Transformation hat sich im Wesentlichen im B2C-Umfeld abgespielt. Ein Bereich, in dem Deutschland schon in der Vergangenheit nicht sehr erfolgreich war. Wir sind als Exportweltmeister aber die wahren B2B-Experten.

Die neue Runde im digitalen Spiel heißt jetzt B2B – Business to Business. Neues Spiel, völlig neue Regeln. In Amerika macht dazu gerade das Schlagwort Deep Tech (Hard Tech) die Runde. B2C ist relativ einfach. Im B2B spielen Begriffe wie Komplexität und Erfahrung eine viel größere Rolle als in B2C-Märkten. Hier liegt unsere Chance in Deutschland.

  • Bauen Sie digitale B2B-Plattformen und Ökosysteme
  • Nutzen Sie die Komplexität Ihres Geschäfts als Waffe
  • Bringen Sie Ihre Erfahrung ins Netz und machen Sie diese digital verfügbar.

Finden Sie Ihren eigenen individuellen Weg. Entwickeln Sie Ihre Long Term Vision und zeigen Sie dabei Short Term Flexibility.

3. Es wird nie wieder so gemütlich werden – Nutzen Sie lernende Maschinen!

Der dritte Punkt im magischen Dreieck ist die Technologie. Eigentlich ist es überflüssig, darüber zu schreiben. Technologie ist heute kein Hinderungsgrund für eine digitale Transformation. Sie ist da. Verfügbar. Sofort. Zuverlässig. Punkt.

Die technologische Entwicklung ist gut vorhersehbar. Sie kennen die Legende von Sissa ibn Dahir, der der Legende nach vom Maharadscha gefragt wurde, was er als Lohn forderte? Ein Reiskorn auf dem ersten Schachfeld, 2 Reiskörner auf dem zweiten Schachfeld, 4 Reiskörner….

Sie wissen, wie diese Geschichte endet…

Wir spielen mit unserer technologischen Entwicklung genau dieses Spiel und sind aktuell etwa in der Mitte des Schachbrettes. Jeder noch folgende Sprung wird wahrscheinlich größer werden als die Summe aller vorhergehenden Sprünge. Die Beschleunigung ist jetzt schon vorhersehbar. Es wird nie wieder so gemütlich, wie es heute ist.

Künstliche Intelligenz

Viele sprechen von einer Revolution der „Künstlichen Intelligenz“, dies ist nicht ganz korrekt.

Sascha Lobo schrieb auf Spiegel Online dazu: „Kaum ein Feld der Technologie ist so unterschätzt und überschätzt wie künstliche Intelligenz.“

  • Unterschätzt, weil wir heute in der Technologie des maschinellen Lernens viel weiter sind, als die meisten Menschen vermuten.
  • Überschätzt, weil wir derzeit noch keine wirkliche KI-Revolution haben, und ob wir jemals eine Künstliche Intelligenz entwickeln, ist aktuell noch völlig unklar.

Wir haben derzeit eine Revolution der lernenden Maschinen. Zur Verdeutlichung: Die erste Revolution im Agrarsektor wurde durch trainierte Tiere ausgelöst. Ochsen und Pferde, statt Menschen, zogen den Pflug und ermöglichten durch mehr körperliche Kraft und eine gesteigerte Produktivität den Aufbau von Städten und ganzen Gesellschaften. Heute können wir, anstelle von Ochsen, Maschinen trainieren, kognitive Aufgaben zu erledigen, mit allen Vor- und Nachteilen, die dies mit sich bringt.

Bereiten Sie sich also gedanklich darauf vor, dass Sie in wenigen Jahren einen großen Teil Ihres Geschäftes an trainierte Super-Tiere, in Form von lernenden Maschinen, auslagern werden. Ihre Wettbewerber und Kunden werden dies ganz sicher tun.

Wo wird dann die digitale Transformation einmal enden?

Die ehrliche Antwort ist: Niemand weiß dies heute.

Die digitale Transformation wird ohne jeden Zweifel eine wissenschaftliche, technologische Revolution einleiten und zu einer Vielzahl von neuen Erkenntnissen führen, zum Beispiel auch in der Medizin. Am Ende wird sie das Leben aller Menschen verbessern. Davon bin ich fest überzeugt. Möchten Sie in einem Kohlebergwerk des 18. Jahrhundert arbeiten? Ich nicht.

Auf dem Weg wird sie aber eine Vielzahl von sozialen, gesellschaftlichen, rechtlichen und auch ethischen Fragen aufwerfen, auf die wir heute noch keine Antworten haben. Mir persönlich ist dabei das Thema Maschinenethik sehr wichtig, welches aktuell sehr intensiv diskutiert wird und bei dem wir im Jahr 2017, meiner Meinung nach, als Menschheit große Fortschritte erzielt haben.

Wenn wir alle diese derzeit noch offenen Fragen haben: Können wir nicht dann die digitale Transformation stoppen, oder wenigstens anhalten und warten, bis diese Antworten vorliegen?

Aber natürlich können wir das: Wir alle machen die digitale Revolution, sie wird uns nicht diktiert. Produkte sind auf dem Markt nur dann erfolgreich, wenn eine entsprechende Nachfrage vorhanden ist. Bleibt die Nachfrage dauerhaft aus, so gibt es keine entsprechenden Produkte.

Leider vergessen wir dies sehr oft und suchen an anderen Stellen nach vermeintlich Verantwortlichen, meistens die Industrie oder die Politiker.

Wenn Sie es könnten, würden Sie persönlich die digitale Transformation stoppen?

Kann man dem verlockenden Angebot, Dienstleistungen mithilfe von lernenden Maschinen schneller, besser und billiger zur Verfügung zu stellen, trotz aller Bedenken, widerstehen?

Schlussfolgerungen

Wie sollten wir – aus meiner sicher eingeschränkten Sicht – die digitale Transformation in Deutschland angehen?

Hierzu nehme ich Bezug auf meine Thesen vom Beginn meines Beitrags:

  1. Schaffen Sie gedanklich einen digitalen Virus, der Ihre Wettbewerber schwächt, Ihren Kunden und Ihren Mitarbeitern aber gleichzeitig Superkräfte verleiht.
  1. Nutzen Sie Ihre Erfahrung und die Komplexität ihres Geschäfts als Waffe. Vereinfachen Sie nicht unnötig und folgen Sie nicht blind anderen Erfolgen, sondern suchen Sie sich einen eigenen digitalen Weg.
  1. Schaffen Sie die Voraussetzung für eine Unternehmensorganisation, in der gedanklich viele „trainierte Tiere mit Superkräften“, in Form von lernenden Maschinen, einen Großteil ihres heutigen Geschäfts übernehmen könnten. Rechnen Sie fest damit, dass Ihre Kunden und Wettbewerber dies ganz sicher tun werden.

 

 

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Über den Autor

Stefan Wess

Dr. Stefan Wess, Diplom Informatiker, ist anerkannter High-Tech-Experte und verfügt über langjährige, internationale Erfahrung im Bereich der Unternehmensführung. Er ist über viele Jahre Autor und Herausgeber von mehreren Büchern und zahlreicher Fachartikel zum Thema „Künstliche Intelligenz“. Im Laufe seiner beruflichen Karriere bekleidete er die Position des Technical Managers beim amerikanischen CRM-Software-Anbieter Inference Corp. (heute eGain Corp.). Er war Vorstand der tecmath AG (heute Avid) und Geschäftsführer der tec:inno GmbH. Von 2000 bis 2008 war Dr. Wess CTO und später CEO eines Tochterunternehmens der Bertelsmann arvato AG, Gütersloh und Geschäftsführer der arvato Middle East in Dubai. Später wurde er Mitglied im Management Board der Attensity Group, Palo Alto, aus der er im Jahr 2012 die Empolis Information Management GmbH ausgründete. Dr. Wess ist Mitglied im Aufsichtsrat des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, im Aufsichtsrat der RS Media AG, Singen und Kurator der Fraunhofer Gesellschaft. In seiner Freizeit ist er Motorradfahrer aus Leidenschaft und immer noch ein Computer-Nerd.

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