Künstliche Intelligenz ist die wichtigste Basistechnologie unserer Zeit - Empolis Blog

Künstliche Intelligenz ist die wichtigste Basistechnologie unserer Zeit

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Mark Zuckerberg hält nichts von Elon Musks Warnungen vor künstlicher Intelligenz (KI) als „größter Bedrohung, der wir als Zivilisation gegenüberstehen“. Anwendungen wie selbstfahrende Autos oder bessere Arztdiagnosen könnten viele Leben retten. Auf diese positiven Effekte zu verzichten wäre „unverantwortlich“, entgegnete der Facebook-Gründer und bekam für seine Meinung viel Rückendeckung aus Wissenschaft und Wirtschaft.

Denn die Chancen sind in der Tat zu groß, um sie nicht zu nutzen: „Künstliche Intelligenz – vor allem Machine Learning – ist die wichtigste Basistechnologie unserer Zeit“, sagen die MIT-Professoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee. Als Basistechnologien bezeichnen Ökonomen die radikalen Innovationen, die wirtschaftliche Strukturen und damit die Entwicklungsrichtung ganzer Branchen grundlegend ändern. Damit stellen sie künstliche Intelligenz auf eine Stufe mit bahnbrechenden Erfindungen wie der Dampfmaschine, der Eisenbahn oder dem Strom.

Obwohl künstliche Intelligenz bereits in Tausenden Unternehmen eingesetzt werde, sind die meisten großen Gelegenheiten bisher noch gar nicht angerührt. Die Effekte der künstlichen Intelligenz werden wohl erst in der kommenden Dekade richtig spürbar, wenn Industrieproduktion, Handel, Transport, Finanzen, Gesundheit, Recht, Werbung, Versicherung, Unterhaltung, Bildung und wahrscheinlich jede andere Industrie ihre Geschäftsprozesse ändern, um die Vorteile des maschinellen Lernens zu nutzen, erwarten die beiden Forscher. Der Flaschenhals liege inzwischen nicht mehr in der Technologie, sondern in der Vorstellungskraft der Führungskräfte und der Implementierung.

Mit den ökonomischen Hoffnungen steigen auch die Investitionen rapide: 2016 gaben Unternehmen etwa 27 Milliarden Dollar für interne Forschung und Entwicklung intelligenter Roboter und selbstlernender Computer aus, zeigt eine McKinsey-Studie. Weitere 12 Milliarden Dollar investierten externe Investoren – also Private-Equity-Gesellschaften oder Risikokapitalgeber. In Summe waren dies rund 39 Milliarden Dollar, was eine Verdreifachung im Vergleich zu 2013 bedeutet. „Wir stehen in der Entwicklung der künstlichen Intelligenz noch am Anfang – doch die großen Digitalunternehmen wie Google oder Amazon haben mittlerweile massiv in diese Technologien investiert“, sagt McKinsey-Berater Peter Breuer.

Die Studie belegt aber auch die Zurückhaltung vieler traditioneller Unternehmen: Nur 9 Prozent der befragten Firmen gab an, maschinelles Lernen schon in großem Umfang einzusetzen. Und nur 12 Prozent sehen sich bei KI schon über ein Experimentierstadium hinausgekommen. Die Vorreiter zeichnet neben einer starken Unterstützung durch den Vorstand aus, dass sie mit KI neue Geschäftsfelder erschließen. Zurückhaltende Unternehmen versprechen sich von dieser Technologie hingegen vor allem Kostensenkungen.

Dabei kann künstliche Intelligenz den Unternehmen in vielen Bereichen helfen. Die beiden wesentlichen ökonomischen Effekte sind Produktivitätsgewinne aufgrund automatisierter Geschäftsprozesse und die Herstellung besserer Produkte.

  • In die Kategorie Produktivitätsgewinne fällt zum Beispiel der Einsatz von Robotern und autonomen Autos, um Routinetätigkeiten aller Art von Computern erledigen zu lassen. In diese Feld gehört der Sachbearbeiter in der Versicherung, der eingehende Schadenmeldungen automatisiert von einer Software prüfen lässt und nur noch in komplizierten Fallen „per Hand“ prüfen muss, ebenso wie der Arzt, der die Bilder des Computertomographen automatisiert auswerten lässt oder der Anwalt, der vergleichsweise Fälle von der Software suchen lässt. Die größten Produktivitätszuwächse werden in kapitalintensiven Branchen wie dem Maschinenbau oder der Logistik vermutet, da ihre Prozesse sehr weitgehend automatisiert werden. Zum Beispiel lässt der Essenlieferdienst Foodora die Entscheidung, welcher Fahrer das Essen transportiert, inzwischen von einer Intelligenten Software treffen. Deutlich sichtbare Effekte werden auch in den Banken erwartet: Im Handelsgeschäft lassen sich bis zu 30 Prozent der Tätigkeiten automatisieren, lautet ein aktuelle Schätzung.
  • Künstliche Intelligenz wird das Bruttoinlandsprodukts auch über bessere und personalisierte Produkte erhöhen, vor allen in den Bereichen Gesundheit, Automobil und Finanzen. Ein Beispiel sind Geldanlagen, die gut zu den jeweiligen Investoren passen, aber nicht mit den hohen Gebühren der Fondsgesellschaften oder Vermögensverwalter belastet sind. Die „Robo-Advisor“ könnten die Geldanlage in Aktien oder Fonds beflügeln. In dieser Anlageklasse haben gerade die Deutschen mit ihrer konservativen Strategie in den vergangenen Jahren viel Geld liegen lassen.

Die potenziellen ökonomischen Vorteile sind allerdings nicht in allen Branchen gleich. Im Gesundheitswesen und der Autobranche werden die größten Effekte erwartet, gefolgt von Banken und Versicherungen, Transport und Logistik, der IT-Branche sowie dem Handel. Einen vergleichsweise geringen Einfluss werden in der industriellen Produktion und im Energiesektor zu erwarten sein.

In der Investitionsrangliste liegt das Gesundheitswesen aber trotz der zu erwartenden großen Vorteile ganz hinten. Die Liste wird von High-Tech-Firmen und der Telekommunikationsindustrie angeführt. „Diese Sektoren sind schon lange weitestgehend digitalisiert; die künstliche Intelligenz ist für sie der nächste logische Schritt“, erwartet McKinsey-Experte Breuer. Auch die Automobilindustrie mit dem Megathema selbstfahrende Autos sowie die Finanzindustrie mit den Innovationen durch Fintechs belegen obere Plätze im Artificial-Intelligence-Index, in dem das McKinsey Global Institute die Einführung und Nutzung von künstlicher Intelligenz in 13 Branchen untersucht hat.

Verschiebungen wird es aber nicht nur zwischen Vorreiter und Nachzüglern geben, sondern auch auf globaler Ebene verschieben: China ist aktuell nicht nur der größte Investor in KI, sondern könnte auch der größte Profiteur sein. Gerade in der noch in hohem Maße von Menschen dominierten Produktion werden voraussichtlich erheblich Produktivitätsgewinne ausgelöst. Das denken sich auch die Chinesen, die mit Hilfe einer Investitionsoffensive die globale KI-Führungsrolle in den kommenden Jahren von den USA erobern wollen. Darauf müssten Deutschland und Europa mit einem eigenen Masterplan für künstliche Intelligenz reagieren, forderte der CDU-Netzpolitiker Thomas Jarzombek kürzlich. Diese Technologie sei so entscheidend, dass wir sie nicht China überlassen dürfen, forderte Jarzombek. Und besser auch nicht den USA, deren Unternehmen heute mit Abstand am meisten in künstliche Intelligenz investieren. Europa belegt nur einen Platz im Mittelfeld, haben die PwC-Berechnungen ergeben. Am Ende liegen die weniger entwickelten Ländern in Südamerika und Südostasien, die ebenso wie Afrika weniger finanzielle Mittel besitzen, um die Investitionen in KI zu stemmen.

 

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Über den Autor

Dr. Holger Schmidt

Dr. Holger Schmidt ist Digital Economist, Keynote-Speaker, Uni-Dozent und Buchautor. Er hat zwei Jahrzehnte als Journalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und das Focus Magazin über die Digitalisierung der Wirtschaft geschrieben. Sein Blog „Netzökonom“ gehört seit 2007 zu den meistgelesenen Publikationen der digitalen Wirtschaft in Deutschland. Sein Buch „Deutschland 4.0 – Wie die digitale Transformation gelingt“ (zusammen mit Prof. Tobias Kollmann) ist Amazon-Bestseller. Seine Themen sind die digitale Transformation der Wirtschaft, digitale Geschäftsmodelle, Plattformökonomie, Industrie 4.0, Arbeit 4.0, Medienwandel und Social Media. Dr. Holger Schmidt hat Volkswirtschaft studiert und über die Ökonomie des Klimawandels promoviert. Er ist gefragter Keynote-Speaker zu allen Themen der Digitalisierung der Wirtschaft und der Arbeit. Als Dozent an der TU Darmstadt (FB Wirtschaftsinformatik) unterrichtet er Masterstudenten im Fach „Digitale Transformation“. Als Associated Partner der Ecodynamics GmbH baut er für Unternehmen Plattformen auf.

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