Künstliche Intelligenz & Philosophie: Ist KI wirklich völlig neu? - Empolis Blog

Künstliche Intelligenz & Philosophie: Ist KI wirklich völlig neu?

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Was haben der Golem, HAL 9000, AlphaGo und Nietzsche gemeinsam? Wie menschlich kann eine Künstliche Intelligenz überhaupt sein?

In seinem Beitrag hatte mein Kollege Stefan Wess ausführlich die technologischen und wirtschaftlichen Chancen durch KI dargestellt. Im Folgenden versuche ich die Themen Künstliche Intelligenz und Philosophie zu verbinden.

Ist die Idee und Vorstellung von KI wirklich etwas völlig Neues für die Menschheit und wie „menschlich“ kann die KI in seiner Entwicklung überhaupt werden? 

Der Begriff Künstliche Intelligenz

Einleitend gilt es zunächst zu klären: Was ist KI überhaupt? Wie kann man diesen Begriff eigentlich definieren? Schauen wir uns hierzu einmal die Etymologien der beiden Begriffe „künstlich/artifiziell“ und „Intelligenz“ an:

Intelligenz, aus dem lateinischen „intellegere“, bedeutet „verstehen“, wörtlich „wählen zwischen …“, von lat. inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“. Vereinfacht ausgedrückt, ist Intelligenz die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen.

„Künstlich“ bedeutet:

  • Nicht natürlich, sondern mit chemischen und technischen Mittel nachgebildet, nach einem natürlichen Vorbild angelegt, gefertigt, geschaffen
  • Natürliche Vorgänge nachahmend, nicht auf natürliche Weise vor sich gehend
  • Gekünstelt unnatürlich

oder

  • Unecht, einem Vorbild in der Natur nachgebildet
  • Nicht natürlich verlaufend, vom Menschen erzeugt

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ lässt sich insofern nicht trennscharf definieren, da es bereits an einer genauen Definition von „Intelligenz“ mangelt. Selbst Wikipedia schreibt Anfang 2017 noch sehr entwaffnend im ersten Satz zum Thema: „Der Begriff ist insofern nicht eindeutig abgrenzbar, als es bereits an einer genauen Definition von Intelligenz mangelt“.

Dennoch wird er in Forschung und Entwicklung als feststehender Begriff verwendet. Im Allgemeinen bezeichnet „Künstliche Intelligenz“ den Versuch, eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden, die aber auf den Ressourcen und den Möglichkeiten der Computertechnologie funktioniert.

KI – Nichts Neues für die Menschheit

Das Konzept oder die Idee von Künstlicher Intelligenz bzw. Leben ist in der Menschheitsgeschichte bei Weitem kein neuartiges Phänomen. Schon seit Jahrtausenden versucht der Mensch in seiner Vorstellung oder Wirklichkeit künstliches Leben und damit Künstliche Intelligenzen zu erschaffen.

Der gravierende Unterschied zu heute ist, dass die Versuche damals eher mystischer, geheimwissenschaftlicher, philosophischer oder gar alchemistischer Natur waren, aber keinen unmittelbaren Effekt (wohl aber einen mittelbaren auf die Glaubenssätze und die intersubjektive Wahrheit) menschlicher Gruppen in all Ihrer kulturellen Vielfalt hatte.

Seit ein paar Jahren hat man nun zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine echte (also faktisch vorhandene sowie objektiv wahrnehmbare) Einwirkung auf das tägliche Leben der Menschen durch künstliche Intelligenz mit unmittelbaren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen.

Eines lässt sich jedoch grundsätzlich festhalten: Der Schöpfungsdrang der Menschen und der damit verbundene Wunsch, Gott zu spielen, sind sehr alt. Interessant ist dabei, dass Intelligenz nie ohne biologischen „Körper“ als Träger der Intelligenz konzipiert oder erdacht wurde.

Eine kurze Geschichte der KI

Hierzu gibt es einige Beispiele in unterschiedlichen Kulturen, in denen künstliche Lebewesen/Intelligenzen erdacht und gebaut wurden: Hephaistos‘ mechanische (goldene) Dienerinnen, Alkinoos metallene Wachhunde, Daidalos‘ sprechende Statuen, Al-Jazaris humanoider Bedienungsautomat, die sprechenden Maschinenköpfe von Albertus Magnus, Goethes Homunculus aus Faust oder Shelleys Frankenstein.

In all diesen Beispielen und der diesen Versuchen zu Grunde liegenden Mythologie finden sich drei immer gleiche Leitmotive:

  • Der Mensch versucht etwas Lebendiges/Intelligentes neben sich zu „erschaffen“.
  • Dieses „Lebewesen“ soll ihm nicht gleichkommen, aber selbstständig schwierige oder moralisch für den Menschen unangenehme oder verbotene Dinge tun.
  • Das künstlich erschaffene „Leben“ gerät schließlich irgendwann außer Kontrolle bzw. entwickelt mit der Zeit ein eigenes Bewusstsein, begehrt auf und bedroht den Menschen. Der Mensch hat seine liebe Mühe, das künstlich erschaffene Leben wieder unter Kontrolle zu bringen und muss es am Ende gar zerstören.

 

Der Golem und HAL 9000 –Zwei tragische Figuren

Lassen Sie mich auf zwei der berühmtesten Beispiele dieser Fiktionen näher eingehen: Der Golem und HAL 9000.

Der Golem aus der jüdischen Mystik ist ein mit künstlichem Leben versehenes Wesen aus Sand bzw. Lehm sowie kabbalistischer Sprüche (jüdische Zahlen- und Buchstabenmystik). Kurzer Hinweis: Prozessoren bestehen aus Silizium (Sand) und Programmen (einem Gemisch aus Zahlen und Buchstaben). Ein seltsamer Zufall, finden Sie nicht?

Sonderlich intelligent war der Golem allerdings nicht, denn er erledigte nur einfache Aufgaben, wie das Ausfegen der Synagoge. Allerdings erledigte er auch unangenehme, gefährliche Aufgaben, welche die Menschen nicht ausführen wollten oder aus religiösen Gründen nicht konnten, z. B. das Bewachen der Gemeinde während der Gottesdienste.

Der Golem wurde aber immer intelligenter und erkannte seine abhängige – oder sollte man sagen prekäre – Lage und musste am Ende zerstört werden, als er anfing einen eigenen Willen zu entwickeln und sich gegen die Menschen (speziell gegen seinen Schöpfer, den Rabbi Löw) richtete, was aufgrund seiner Stärke sehr gefährlich war.

Das berühmteste Beispiel aus der Filmgeschichte ist der Bordcomputer HAL 9000 aus Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Weil er eine offensichtlich falsche Fehleranalyse durchführt, will die Besatzung ihn aus Sicherheitsgründen abschalten. HAL 9000 belauscht dieses Gespräch und beschließt sich gegen die Abschaltung zu wehren, mit tödlichen Folgen für fast die gesamte Besatzung.

Als es dem letzten verbleibenden Astronauten gelingt, HALs Funktionen nach und nach manuell abzuschalten, versucht HAL ihn auch mit angeblichen Gefühlen von seinem Entschluss abzubringen („Ich habe Angst“) und beginnt irgendwann, ein Kinderlied zu singen, da seine kognitive Leistung nach und nach auf Kleinkindniveau absinkt. Machen Sie sich ruhig mal den Spaß und fragen Sie ihr iPhone nach HAL 9000.

Woher kommt der Wunsch nach KI?

Wenn der Mensch doch offenbar um die Folgen weiß, woher kommt der Wunsch, künstliches Leben oder Künstliche Intelligenz zu erschaffen?

Die Begründung liegt zum einen in den empfundenen (subjektiven) Beschränkungen des Einzelnen, und daraus folgend zum anderen in den gefühlten Beschränkungen im Rahmen intersubjektiver Übereinkünfte (Gesellschaftsmodelle, Religionen, Ideologien, Wirtschaftsmodelle, Kulturen usw.) und der wirklich (technisch) vorhandenen Beschränkungen (Geschwindigkeit, Komplexität, Ressourcen usw.) der Menschheit.

Man ist überzeugt, dass man etwas „besseres“ erschaffen muss, um diesen Beschränkungen zu entkommen. Konkret gehören zu diesen gefühlten Limitationen auch Dinge wie Moral/Ethik, politische Korrektheit, Tabus (gesellschaftlich oder religiös), Mitgefühl, Zweifel oder Erfahrung. Viele Philosophen haben sich in einigen Jahrhunderten die Köpfe zermartert, wie die Menschheit damit umgehen soll. Beispielhaft seien hier die Vertreter dreier grundlegender Strömungen genannt:

  • Descartes: nur rational, auf der reinen Vernunft basierendes Denkmodell
  • David Hume: sehr starker Fokus auf die Empirie und das reine Erfahrungswissen
  • Immanuel Kant: Er hat in seinen berühmten Kritiken festgestellt, das alles wohl eine Mischung aus beidem ist und auf den viele moderne Ansätze aufsetzen (z. B: der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper mit seinem kritischen Rationalismus).

Nietzsches Übermensch und KI

Das berühmteste Konzept ist sicherlich Nietzsches Idee eines „Übermenschen“. Versucht der Mensch mit Künstlicher Intelligenz eine Art technischen „Übermenschen“ zu schaffen? Laut Nietzsche ist es ja „die Aufgabe des Menschen, einen Typus hervorzubringen, der höher entwickelt ist als er selbst.“

Ihm zufolge realisiert dieser Übermensch das Vollbild des Menschenmöglichen. Nietzsche hat das natürlich biologistisch gemeint – aber er hatte auch keinerlei Ahnung von den heute gegebenen Möglichkeiten der Technologie!

Der „Übermensch“, aber technologiebasiert? Hierzu schauen wir uns folgendes Zitat an:

„Meine künstliche Intelligenz soll in der Lage sein, alles zu lernen und besser zu machen als Menschen.“

Dieses Zitat stammt vom „Deep Mind“-Mitbegründer Demis Hassabis. Deep Mind hat AlphaGo entwickelt, das im vergangenen Jahr im komplexen Brettspiel Go in fünf Partien gegen einen der weltbesten Go-Meister gewann. Und dies mit Spielzügen, die menschliche Go-Experten für unmöglich gehalten haben. Der Spielzug wurde auch „die Hand Gottes“ genannt.

Ist KI also eine Form des Übermenschen und wie weit kann sich eine technologisch basierte KI entwickeln? Ist sie nur eine Verlängerung des menschlichen kulturell geprägten „Schneller, höher, weiter“ oder ist sie in der Lage irgendwann etwas wirklich originär Neues zu erschaffen? Könnte bspw. eine Maschine kreativ Hypothesen bilden oder gar etwas wie Einsteins Relativitätstheorie oder Heisenbergs Unschärferelation entwickeln? 

Kann KI kreativ sein wie der Mensch?

Top down view of human brain depicting left side right side differences. The right side shows creative, music and art while the left side shows calculation, numbers and mathematics.

 

Wie oben bereits beschrieben, bedeutet Intelligenz im ursprünglichen Sinn „zwischen etwas wählen“. Kann sich eine Maschine für etwas entscheiden, so wie wir das tun? Und welche Grundlagen für diese Entscheidung zieht die Maschine heran? Kann also Künstliche Intelligenz wirklich kreativ sein?

Dass eine KI inzwischen Bilder malen und Musik komponieren kann, ist eine tolle Sache. ABER: Die Basis sind Daten und zwar Daten im entsprechenden Kontext. Malende Maschinen werden mit Bildern verschiedener Maler „gefüttert“, komponierende Maschinen lernen auf Basis der Werke menschlicher Komponisten – in einer Geschwindigkeit und einer Datenmenge, wie es Menschen völlig unmöglich wäre!

Noch ist es für eine Maschine wohl nicht möglich, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, während der Mensch auf einem leeren Blatt Papier einiges zustande bringen kann. Im Endeffekt reproduziert die Maschine auf Basis einer unermesslichen Datenbasis und der unerwarteten Verknüpfung von Kontexten untereinander. Aber meist immer nur eines auf einmal: Malen, komponieren, in Daten Kontexte finden, das Wetter vorhersagen.

Die echte menschliche Intelligenz bzw. Kreativität besteht in der neuronalen Verknüpfung verschiedenster Gebiete. Etwas, was ich „Wurmlöcher im Gehirn“ nenne, aus denen tatsächlich originäre Ideen entstehen können.

Meiner Meinung nach ist KI noch zu keiner echten Kreativität fähig. Wenn eine Maschine alle Daten und Informationen der klassischen bzw. newtonschen Physik, der Mathematik und der Logik „im Kopf“ gehabt hätte, hätte sie dann auch die Relativitätstheorie erfinden können?

KI – Chance und Risiko

Durch die enormen technologischen Entwicklungen auf diesem Gebiet haben wir zum erstmals in den nächsten Jahren die reale Möglichkeit, dem Menschen gleichwertige und bald auch überlegene aktive Künstliche Intelligenz zu schaffen. Die oben erwähnten Grundmotive sind aber exakt(!) die gleichen geblieben!

Verwenden wir die (durch unsere Erfahrung etwas abgewandelten) Worte Mephistos aus dem Faust: „…ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und oft das Böse schafft “ und nutzen klug die uns gegebenen Möglichkeiten.

Literaturtipp:

Homo Deus von Yuval Noah Harari, C. H. Beck-Verlag, 4. Auflage 2017 (Link zu Amazon)

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Über den Autor

Christian Schulmeyer

Dr. Christian Schulmeyer ist neben der Weiterentwicklung des erfolgreichen Geschäftsmodells insbesondere für die Erschließung neuer Märkte und den Ausbau strategischer Kooperationen mit führenden Unternehmen verantwortlich. Der Wirtschaftsingenieur war zuletzt bei der Telekom Deutschland GmbH als verantwortlicher externer Projektleiter des Telekom Internet-Shops und des Hilfe&Support-Portals tätig. Weitere Erfahrungen im Bereich Service- und Customer Care Management sammelte er unter anderem in internationalen Projekten der T-Online International AG (heute wieder in die Deutsche Telekom AG eingegliedert) und der Bosch Telecom GmbH. Darüber hinaus ist Dr. Christian Schulmeyer seit vielen Jahren erfolgreich mit seiner eigenen Firma Schulmeyer & Coll. in der Management-, Technologie- und Strategieberatung im Software- und Internetumfeld tätig.

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